3 Künstlerinterviews

August 30, 2010

Erfreulich, wenn die Lektüre plötzlich Aktualitätswert gewinnt. Cyberwar, so las ich im letzten Le monde diplomatique (18.8. hier beim Fips), das ist im Kommen, das ist jetzt aktuell und das wird gefährlich. Und wutsch – heute wars schon im Morgenjournal, dass sich die EU jetzt wappnen muss dagegen. Also: Fips und Welt lesen und immer im Vorhinein informiert sein, Leute!

Heute kann man und frau sich wieder über neueste Kunstgedanken informieren, es sind drei Künstlerinterviews zusammengefasst. Aus unterschiedlichen Ländern und Hintergründen herkommend arbeiten alle drei Herren derzeit in Berlin.

Geopoetik – Geschichte als Ornament
Yuri Leiderman im Gespräch mit Heinz Schütz
KF 203/2010

1963 in Odessa geboren gründete Leiderman 1987 zusammen mit Sergej Anufriev und Pavel Pepperstein die Künstlergruppe Medical Hermeneutics. Leiderman schreibt auch und erhielt 2005 den russischen Andrej Belyi Preis für Literatur (wär vielleicht mal was für Manuskripte oder so)

Geopoetik, das ist für Leiderman die Verknüpfung von Naturwissenschaft und Kunst.

Erfrischend Leidermans Zugang zu Begriffen und Ängstlichkeiten. Globalisierung meint er, sei ein Begriff, der nichts über das tatsächliche Leben und seine Veränderungen aussage. Er sei Relativist, sagt Leiderman, alles existiere so, aber auch so oder so. Für Leiderman gibt es die Wahrheit nicht.

Zum Begriff nationaler Identität: „(das ist) die poetische Entscheidung eines Einzelnen, der bereit ist, dieser Entscheidung zu folgen und womöglich sogar sein Leben für diese doch ziemlich absurde Identitätswahl zu opfern.“

Leiderman bezeichnet sich als unpolitisch. Künstler mit explizit politischer Botschaft lehnte er ab. Die zeitgenössische Kunst sei am Ende, meint er. Im Übergang von Modernismus zu Postmodernismus begann die Gesellschaft schneller zu werden als die Kunst, die Gesellschaft übernahm die  Interpretationsmacht. Kunst wurde zur sozialen Analyse, die Gesellschaft bemächtigte sich der Kunst.

Künstler sind keine  normalen Mitglieder der Gesellschaft – so Leiderman. „Wir sagten nie, dass wir besser wären, wir sagten, wir sind schlimmer, aber besonders und verrückt und wir betreiben eine Art Therapie im bestehenden Irrenhaus.“

Auszug aus Arbeiten, wie in KF vorgestellt:
Geopoetics 19 (DIE Ehre hüt von Jugend auf), drei Vorleserinnen in russischer Tracht auf Treppenpodest, 2009. Die Damen sind in grüner, brauner und roter Tracht.

Geopoetics 7 (Die Befreiung von Odessa) drei schwarze Performer, Film zur Kriegsgeschichte. 2007. Die drei Schwarzen sprechen miteinander (Leiderman: „Mir gefallen Situationen, in denen Leute zusammensitzen und so diskutieren, dass es nicht möglich ist, zu hören, was sie sagen“), im Hintergrund läuft ein Film über die Befreiung von Odessa.

Eine Katze europäische Geschichte unterrichten, 1996. Einer Katze werden unterschiedliche Karten zur europäischen Geschichte gezeigt, ihre Gehirnströme gemessen.

No ideas but in things
Jason Dodge im Gespräch mit Michael Stoeber
KF 203/2010

Jason Dodge, 1969 in USA geboren, lebt in Berlin. Sein Vater war Künstler, so hatte er frühe künstlerische Eindrücke. Als prägend bezeichnet er den Blick auf das „Etant donnés“ von Marcel Duchamp im Philadelphia Museum (kann man im You tube nachvollziehen). Auf einer Italienreise mit den Eltern erlebt die Bilderfülle des Katholizismus, der weitaus bildmächtiger auf ihn wirkt als der Protestantismus. „Ich habe den Katholizismus in Rom wie eine künstlerische Sprache erlebt.“

Dodge denkt über Dinge nach, so sagt er. Dinge besitzen ein Eigenleben. Er bezieht sich damit auf die Philosophie von Heidegger. „Mir geht es darum, morgens aufzustehen und mich darauf zu konzentrieren, was mir die Dinge zu sagen“, so Dodge. Es geht ihm darum, diese Bedeutung in den Dingen zu erkennen und wie er als Künstler den Dingen Bedeutung geben kann. Diese Bedeutungsgebung liefert er an Menschen, die die Idee dann ausführen. Ein Beispiel dafür wäre die Arbeit: „Djidjiga Meffrer in Algerien webt einen Wandteppich mit Garn so lang wie der Abstand von der Erde zu Oben über dem Wetter“, ausgelöst durch das Erlebnis des Künstlers, mit dem Flugzeug die Wolkendecke zu durchstoßen. 12.000m Höhe, das mit der Hand nachzufahren im Webvorgang, das ist die Idee hinter der Arbeit. Die Spezifität des Dinges interessiert ihn, so in der Skulptur „Die Ärzte schlafen“ 5 kissen, auf denen nur Ärzte geschlafen haben.

Spannend für mich auch die Arbeit „Deine beweglichen und unbeweglichen Teile“ – ein Elekroofen, im Gedanken daran, dass der Strom dafür immer auch von einem anderen Kraftwerk herkommt.

In der Reduktion der Dinge und Gedanken (Dodge schreibt auch) liegt wohl eine der Besonderheiten von Dodge.

Noch ein Gedicht von William Carlos Williams, den Dodge als inspirierend für seine Arbeit beschreibt:
I have eaten
the plums
that were in the icebox

And which
you were probably
saving for breakfast

Forgive me
they were delicious
so sweet
and so cold

Ich sehe mich als Mitkonstrukteur einer Wirklichkeitsmaschine
Olafur Eliasson Im Gespräch mit Ronald Berg
KF 203/2010

Eliasson ist 1967 geboren. Er macht Projekte auch im öffentlichen Raum, darunter „New York Waterfalls“ entlang des East River- Wasserskulpturen riesigen Ausmaßes. Seit 20090 ist er Professor an der Universität der Künste in Berlin.

Einige Auszüge aus dem Gespräch:
Eliasson meint, die Kunst habe etwas Wertvolles für die Gesellschaft anzubieten. Er sieht den Kunstmarkt als gefährlich für die Kunst an, da er das prozesshafte einfriere, soll doch ein Produkt gezeigt werden. Als besonders gefährlich nennt er Auktionshäuser. Andererseits ist auch Eliasson klar, dass das kapitalistische System die Plattform ist, auf dem die Künstler agieren. Dazu ein Input zu ihm: die oben genannten New Yorl Waterfalls kosteten 15 Millionen Dollar!

Eliasson meint, mit seiner Kunst die Wirklichkeit qualifizieren zu können. Museen gegenüber ist er skeptisch. Sie fühlten sich – auch mit ihrer Pädagogik – noch immer als moderne Bildungsanstalten.

Interessant wirkt sein Institut für Raumexperimente. Hier gibt es 25 Studenten, die sich gegenseitig beeinflussen, auch Leute von außen immer wieder reinholen, zu unterschiedlichen Projekten sich austauschen, jeder und jede bringt seine/ihre Sicht ein. Eliassur fühlt sich als Teil der Gruppe. In seinem Atelier, das in unmittelbarer Nachbarschaft des Instituts angesiedelt ist beschäftigt er 30 Mitarbeiter. Er versucht Atelier und Institut als zwei verschiedene Aspekte seines Schaffens zu trennen, wenn es natürlich auch Begegnungen gibt. Die Mitarbeiter im Atelier sind angestellt, und letztlich entscheidet Eliassur, wie eine Arbeit ausgerichtet ist, wenn er sich auch von fachleuten beraten und unterstützen lässt.

Zur Beschreibung von Kunst meint Eliassur: „Wenn in der Kunst alles so genau beschreibbar wäre, dann hätte ich die Ausstellung im Martin-Gropius-Bau auch auf ein Stück Papier schreiben können. … Ich bin noch altmodisch genug, daran zu glauben, dass die Kunst als selbstständige Sprache sehr gut funktioniert.“

Ein paar Werke, die im KF-Artikel abgebildet sind:
Your blind movement, 2010, Leuchtstoffröhren, Aluminium, Stahl, Nebelmaschine… Der Besucher bewegt sich in einem amorphen Farbenraum, wird der räumlichen Orientierung enthoben (vgl dazu auch den Bericht von Hübl im gleichen Heft über den Begriff der sensazione Kunstprojekte.rtf).

Berliner Treibholz, 2009. An unterschiedlichen Plätzen in Berlin (abgebildet auf einer Brücke, vor einer Straßenunterführung, auf einer Baustelle) legt der Künstler Treibholz hin, das vom Meer in Isalnd angeschwemmt wurde)

The New York Waterfalls, 2008: gezeigt wird die Ansicht auf der Brooklyn Bridgte. Vir einem Pfeiler ist ein Gerüst aufgebau von dem wasserfallartig in breiter Front Wasser fließt, das Ganze weiß beleuchtet.

Green river, 1998, Tokyo. Ein mit Uranin, einem grünen fluoreszierenden Stoff gefärbert Wasserlauf mitten in Tokyo

2001 hat er in Bregenz ausgestellt, 2000 in Graz.

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