Wein – Psyche – Kunst

August 29, 2010

Hab schon wieder ein paar Tage nichts eingetragen aus meinen Leseerfahrungen. das hängt ganz einfach damit zusammen, dass ja auch gelesen werden muss, das dann wieder irgendwie verarbeitet und beschrieben, also ein ordentlicher Aufwand. Übrigens, der Aufwand ist primär autistisch für mich, um später mal nachschauen zu können, was denn da so durch das Hirn ging, aufgenommen und vielleicht irgend wann mal verarbeitet zu Neuem – so soll es ja auch der Freud gemacht haben, man wird es in einem Artikel sehen. Wenn noch wer die Zeit hat, das alles zu lesen wünsch ich viel Spaß.

Spaß könnte auch machen, mal in das Ruhrgebiet zu fahren und sich die Emscher und das EmscherKunst Projekt anzuschauen – auch dazu gibt es einen kurzen Bericht, aus zweiter Hand, weil ich selbst war ja auch nicht dort.

Kulturell war ich dieses Wochenende an zwei Weinfesten und stellte fest, dass die Horner Bundesstraße scheinbar preistreibend ist, was den Wein betrifft, weil die Weine in Großweikersdorf sind teilweise doppelt so teuer wie die in Ottenthal und ganz sicher nicht doppelt so gut. Das Kellergassenfest in Ottenthal kann ich also empfehlen – für nächstes Jahr, es wird wieder am letzten Augustwochenende sein, die Weintage in Großweikersdorf, die am selben Wochenende stattfinden sind viel kleiner und etwas neppiger. Aber beides hat Tradition, Ottenthal heuer zum 22. mal, Großriedenthal zum 25. mal.

So, jetzt aber zu den Leseergüssen, diesmal zweiter Teil aus der Zeitschrift Psyche und erster Teil aus dem Kunstforum 203.

Freud, Smith und Feuerbach über das religiöse Opfer
Cyrill Levitt
Psyche 8/2010

Es geht um das Plagiat, wer hat da von wem abgeschrieben? Fakt ist, dass die Aussagen über das religiöse Opfer schon lange vor Freud von Feuerbach und dann – auch abgekupfert? – von Robertson Smith dargestellt wurden. Freud hat, das wissen wir, Smiths Arbeit sehr gut gekannt.

Was also sind nun die wesentlichen Erkenntnisse über das religiöse Opfer?
Das Opfer war ursprünglich ein Akt der Geselligkeit zwischen Gott und denen, die ihn verehren.
Opfergaben waren essbare und trinkbare Dinge
Gott und seine Anbeter teilten sich Tieropfer
Ursprünglich war das Trinkopfer Tierblut, das später durch Wein, dem „Blut der Rebe“ ersetzt wurde
Das Verzehren von Fleisch und Blut eint die Verzehrer als Teilhaber an der gleichen Substanz
Das Ritual muss regelmäßig erneuert werden, weil sich ja die verzehrte Substanz wieder ausscheidet
Töten des Opfertiers nur durch die Gemeinschaft erlaubt
Das Opfertier war anfangs das Totemtier, der Gott (Vater und Bruder) des Urclans, durch dessen Tötung und Verzehrung die Gruppe ihren Zusammenhalt sicherte

Das sind die Punkte, die Freud aus der Arbeit von Smith entnommen hat.

Feuerbach schreibt in seiner Abhandlung „das Geheimnis des Opfers oder der Mensch ist, was er isst“ noch folgende Punkte:
Religion beruht auf dem Gedanken der Verwandtschaft zwischen Gott und seinem Volk
Menschen und Götter einander wesensgleich, aber Götter leiden nicht Hunger oder Durst und daher auch keine Probleme mit Verdauung und Ausscheidung
Götter repräsentieren Personifikationen, Externalisierungen und Verwirklichungen der projizierten Wünsche der Menschen
Opfern heißt, die Götter speisen
Essen hält im physiologischen wie im soziologischen Sinne Leib und Seele, Mensch und Gott, ich und Du zusammen
Blut ist eine verbindende Substanz, physisch und symbolisch, die Grundlage der Verwandtschaft (auf diese urtümliche Sache spielt ja auch der HC mit seiner Plakatserie über das Wiener Blut an, auch wenn er dabei vergisst, dass dieses Blut sich ja erst aus der Vermischung vieler Blute gebildet hat und ständig weiterbildet)
Essen und Trinken sind Akte der Liebe und der Zerstörung, was wir essen, wird zerstört
Mund hat teil am Essen, am Atmen und am Sprechen
Jeder Mensch ist Kannibale, ein Wesen, das sich physiologisch oder metaphorisch ganz oder zum teil selbst isst
Kannibalismusbeispiel 2: Kind im Mutterleib ernährt sich vom Blut der Mutter, später von ihrer Milch

Soweit Smith und Feuerbach. Freud nun verwendet alle diese Gedanken in Totem und Tabu. „Freud verstand es“, so Levitt, „Smiths Belege für die Praxis einer zwingenden kollektiven Verletzung des Tabus gegen das Töten und Essen des Totemtieres mit Darwins flüchtiger Erwähnung der Horde … und mit Atkinsons Überlegungen über das Urrecht gegen den Inzest miteinander zu verbinden.“ Dies stellt alles das Urtrauma des Menschen dar, das wiederum den Ödipuskomplex bedingt. Levitt: „In Freuds Sicht ist der triadische Ödipus … ein im Unbewussten ruhendes Echo des Traumas von Mord und Kannibalismus am Urvater, der nachfolgenden Errichtung des Inzesttabus, hinter dem Gewissensbisse und Schuldgefühle stehen … und der anschließenden Auflösung der Urhorde.“

Im Unterschied zu Feuerbach betont Freud die Rolle des Vaters, es geht ihm um die Ermordung des Vaters, nicht um den Kannibalismus an der Mutter.

Levitt zeigt dann, dass zwei Phänomene wesentlichen Einfluss auf Feuerbach, Smith und Freud hatten, nämlich die evolutionäre Anthropologie und die protestantischen Erweckungsbewegungen. Letztere legte den Akzent auf das Blut Christi „als mystisches Element von Einverleibung und Identifikation.“ Christopher Herbert versucht in seiner Analyse von Stokers Dracula zu zeigen, dass auch in diesem Roman beide Einflüsse sichtbar seien. Denken wir nur an das Trinken von Blut im Dracula als „erotisierten Akt der Nahrungsaufnahme“.

Frazer zeigt, dass die (christliche) Religion nur eine dünne Schicht ist, um den barbarischen Totemismus und seine primitive Grausamkeit und seinen Aberglauben zu zivilisieren und dieser immer wieder – auch im Christentum – durchbrechen kann (und ja auch durchgebrochen ist).

Über die Blutlust des Abendmahls abschließend noch ein paar Zeilen eines Liedes der Wesleyaner (Methodisten):

We thirst to drink Thy precious blood,
We languish in Thy wounds to rest,
And hunger for immortal food
And long on all Thy love to feast.

Strafen, prügeln, missbrauchen
Anmerkungen zur Geschichte des pädagogischen Gewaltverhältnisses zwischen den Generationen
Benno Hafeneger
Psyche 8/2010

Hafeneger versucht sich in Erklärungen zu den Missbrauchshandlungen an Kindern, wie sie ja gerade jetzt, übrigens nicht nur aus kirchlichen Einrichtungen, wieder schmerzhaft bewusst werden. Er bezieht sich dabei auf die deutsche Geschichte und Rechtssprechung, die jedoch von der österreichischen nicht allzu unterschieden ist, sodass wir  durchaus auch Rückschlüsse auf die österreichische Situation ziehen können.

Die Vorstellung, Kinder gehörten mit Härte und körperlicher Züchtigung erzogen, gab es bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein (da könnte ich auch ein Lied davon singen). Diese Vorstellungen verbunden mit autoritärem und hierarchischem Verständnis sind bis weit ins 20. Jahrhundert hinein auch die gängigen Vorstellungen in pädagogischen Einrichtungen. Eltern erwarten dieses autoritär strafende Verhalten auch von Lehrern (kann ich auch bestätigen aus eigener Erfahrung, und wie wir wissen gibt es ja noch immer Lehrer, die dieser Zeit nachtrauern, als man noch erwartete, dass sie die Kinder züchtigen, ja, damals waren sie auch noch braver, die Fratzen).

Hafeneger macht einen Blick noch weiter zurück in der Geschichte, in die Armenfürsorge des 16. Jahrhunderts. Und was war da erwartet? Anpassung und Einpassung in ein Normensystem, Verknüpfung von Arbeit und Essen (wer arbeitet darf auch essen).

Gewalt gegen Kinder liegt ein pessimistisches Menschenbild zugrunde, also Kinder müssen zurechtgebogen werden, würden bei Güte sich nicht entwickeln.

Im Gegensatz dazu steht das schwärmerische, idealisierte Kinder- und Jugendbild der Reformpädagogik, ein Bild von Reinheit und Natürlichkeit. Dieses Denken stehe in der Tradition  homoerotischer und männerbündnerischer Gefühlswelten (Wandervogel z.B.). Dabei wurde, so Hafeneger, mit der Figur des pädagogischen Eros einer „hochgradig ambivalent… und verstrickenden Beziehung Tür und Tor geöffnet.“

Interessant jetzt, wie Hafeneger die – noch heute bestehenden – Gruppierungen, besser gesagt ihre Gründerväter (sind ja immer Männer, interessant wäre dazu wohl mal im Vergleich zu schauen, was Frauen so gegründet haben, mir fällt da spontan bloß die Montessori ein) beschreibt:
Peter Petersen – Jenaer Schulplan – Antisemit
Gustav Wyneken – Schulgemeinde Wickersdorf – Päderast und Antisemit
Hermann Lietz – Landeserziehungsheime – Antisemit und Chauvinist
Paul Geheeb – Odenwaldschule – pädagogischer Seher
Rudolf Steiner – Waldorfschule – Antisemit

Sexuelle Gewalt gegen Kinder und demütigende und züchtigende Pädagogik gibt es in jedem Milieu, in katholischen, reformpädagogischen, konservativen und liberalen Einrichtungen. Aber gefährdet sind idealisierte und der öffentlichen Kontrolle entzogene pädagogische Inseln.

Und das Verhalten gegen Kinder ist in unterschiedlichen Ländern sehr unterschiedlich geregelt, da müssen wir gar nicht in autoritäre Regimes hineinschauen. So ist in 20 Bundesstaaten der USA körperliche Züchtigung in Schulen erlaubt! Ob das wohl mit der gewaltbereiten amerikanischen Gesellschaft zusammenhängt? Ich denke wohl.

Ein kurzer Blick auf Deutschland (und wie gesagt, in Österreich wird’s nicht so anders sein):
1951: Abschaffung des Rechts der Lehrherrn auf väterliche Züchtigung
1973: Verbot der schulischen Körperstrafen
1979: Verbot entwürdigender Erziehungsmethoden
2000: Recht der Kinder auf gewaltfreie Erziehung
übrigens: 1947: Abschaffung des Rechts auf Züchtigung der Ehefrau, seit 1977 dürfen Frauen gegen den Willen des Ehemanns einen Arbeitsvertrag unterschreiben.

Wir sehen, dass „die Ablehnung und Abkehr von Gewalt in Schulen und weitgehend auch im Elternhaus in der Erziehungsgeschichte ein eher jüngeres Phänomen ist.“

Was schließt Hafeneger aus diesen geschichtlichen Betrachtungen für den Umgang mit Gewalt, die es ja immer noch gibt:
Konfrontation konkreter Personen und Institutionen mit ihrer Schuld
Achten auf alte und neue Formen und Strukturen von Gewaltverhältnissen
Auseinandersetzung in den Institutionen mit dem Thema und strukturelle Reformen

In Para-Metaphysischer Trance
Balka, Eliasson, Najjar und eine Spur Giotto: Wie sich die Gegenwart der Kunst spiegelt und verliert
Michael Hübl
KF 203/2010

Zwei Installationen nimmt Hübl zum Anlass für seine Betrachtungen, und zwar Balkas Installation in der Tate Modern – man betritt über eine Rampe einen völlig dunklen Raum – und Eliassons Installation in Berlin, das Gegenteil zu Balka sozusagen, ein total illuminierter Raum. In beiden Installationen wird das Wahrnehmungsvermögen des Betrachters aufs äußerste sensibilisiert – so sieht es Hübl. Hübl sieht in der Installation von Balka, ein Pole, der in Posen studierte, auch Anspielungen an Auschwitz, die rampe zur Selektion. Balkas Elternhaus, so lernte ich, steht unweit des Waldes von Otwock, wo es zu Massakern an Juden kam. Die Stadt hatte eine 75%ige jüdische Bevölkerung.

Eliasson studierte in Kopenhagen (s.a. Monografie über Eliasson).

Nun meint Hübl, dass es der begriff der „sensazione“ sei, der beiden Werken gemeinsam ist. Er entwickelt ihn aus dem Bestreben heraus, immer neue „weiße Flecken“ zu füllen. Nachdem die weißen Flecken auf den Landkarten gefüllt waren, sucht man nun die kleinsten unentdeckten Strukturen zu entdecken (Nanostrukturen), andererseits den Tourismus in neue Felder vorwärts zu treiben (Weltalltourismus). Auch die Jagd auf die Achttausender sieht Hübl in dieser Folge. Das war/ist ja gerade jetzt wieder sehr populär dank der (Miss)erfolge zweier Österreicher und –innen. Hab gestern erst ein Interview mit Christian Stangl gehört, wo er über diese Passion der Achttausendersucht erzählte. Hübl schreibt, dass Bergsteigerei eine relativ junge, durch die Romantik stimulierte, Tätigkeit sei.

Zwischen den Himalaja-Touren und den Werken von Balka und Eliasson sieht Hübl eine Analogie. „Durch die Aufbereitung in Magazinen, Blogs, TV-Spots oder Kinofilmen (Achtung Leute: K2 Film über Messner ist aktuell – sagt Fips) wird eine individuelle Erfahrung … zu einer öffentlichen Sensation transformiert“. Ich bin ja auch so ein Besessener des Achttausenderhypes und schau mir das aus der bequemen Couchposition gerne an.

Michael Najjar hat die Bergsteigereierfahrungen in einem Kunstprojekt „high altitude“ dargestellt. Die Besteigung des Mount Aconcagua (höchster Berg außerhalb Asiens!) hat er künstlerisch aufgearbeitet.

Vielfältige Assoziationen ergeben sich, wie immer, bei Betrachtung von Kunstwerken, den Künstlern auch bei Betrachtungen von Umwelt. So bei Najjar etwa die Ähnlichkeit der Zacken der Bergwelt mit den Diagrammen der Finanzkrise. Hübl sieht Ähnlichkeiten zur Finanzkrise im im Dunkeln Tappen bei Balkas Installation oder auch „in den auratisch aufgeladenen Berliner Lichtinszenierungen“, die einem jeden Anhalts- oder Fixpunkt der Wahrnehmung nehmen. „An die Stelle klarer Analyse und rationaler Planung tritt der Rausch potenzieller Machbarkeit mit der riskanten Bereitschaft zum offenen Ausgang“.

Hübl zeigt, dass „auch mit den Ausmalungen mittelalterlicher Kapellen oder Basiliken … die Absicht verfolgt (wurde), eine sensuelle Hülle zu schaffen, mit der sich eine Intensivierung der Wahrnehmung bewirken ließ.“ Ein Beispiel dafür ist etwas die Capella degli Scrovegni – mal anschauen unter http://www.cappelladegliscrovegni.it/

Abschließend die Schlussbetrachtung Hübls:
„Statt die Dinge zu ergründen, steigt man lieber in Höhen, um sich Empfindungen zu verschaffen, die im verdichteten und vernetzten Kleinklein des konsumistisch hochgerüsteten, ökologisch beschädigten und latent am Rande von Katastrophen sich ausbreitenden globalen Flachlands nicht zu erlangen sind. Dort oben aber, wo Überblick sein könnte, herrscht oft nur Nebel.“

Dazu passt vielleicht mein Eindruck von Balkas „How it is“ in der Tate Modern. Ich sah es als Darstellung des Platonschen Höhlengleichnisses, wir sehen nur die Schatten, nicht das, was wirklich ist. Und das ist beeindruckend beim Rausgehen aus der riesigen Höhle, weil man sieht die reinkommenden Besucher schemenhaft, schattenhaft, auf einen zukommen.

6. Berlin Biennale
Was draußen wartet
KF 203/2010

Der Hauptteil des Heftes 203 ist der von der Vorarlbergerin Kathrin Romberg kuratierten Berlin Biennale gewidmet. Mit 2,5 Mill. Euro ist diese von der Kulturstiftung des Bundes gefördert. 1996 wurde ein Verein zur Förderung einer Biennale für zeitgenössische Kunst gegründet, 1998 gab es die erste Biennale, jedes Mal von einem anderen Kurator zusammengestellt.

Kathrin Romberg geht es, wie wir erfahren, um die Möglichkeit von Kunst, Realitäten erfahrbar zu machen. Hauptschauplatz war ein seit Jahren leer stehendes 1913 errichtetes Geschäftshaus am Oranienplatz in Berlin Kreuzberg. Das Haus wurde von den Architekten Wolffenstein und Cremer – auch wichtige Vertreter des Synagogenbaus – erbaut. Bewusst ging man mit der Biennale nach Kreuzberg, weil dort Protest und Widerborstigkeit eine Rolle spielen. Das war auch gleich zu Beginn zu erleben, da es eine Bürgerinitiative gegen die Biennale gab, mit der Befürchtung, dass durch diese Kunstaktion das Viertel verteuert würde. Gentrifizierung heißt das, Luxussanierung, teure Mieten, Verdrängung der einkommensschwachen Bevölkerung. Ist ein bissel auch herauszulesen aus dem Glasgow-Artikel in der Le monde (Wirtschaft.docx) und immer wieder zu erleben auch in Wien. Ich hoffe, dass das z.B. dem Yppenmarkt erspart bleibt.“insbesondere Kunst gilt als einer der Faktoren, die ein Stadtviertel aufwerten und es für eine neue, wohlhabende Klientel interessant machen.“

Als Bezugs- und Ausgangsausstellung wählte Romberg den Maler Adolph Menzel (1815 – 1905), dessen künstlerischer Zugriff auf die Wirklichkeit unter dem Titel „Menzels extremer Realismus“ in der Alten Nationalgalerie dargestellt wurde.

Referenzpunkte der Biennale waren Kritik an den Medien und Kritik am White Cube. Letzteres scheint ja in zu sein, diese Kritik an der wirklichkeitsfernen Sphäre. Romberg erzählt in einem Interview ein wenig über diesen Raum der Kunst, der Ende des 19. Jahrhunderts als idealer Ausstellungsraum entwickelt wurde. Zunehmend werden jetzt die Begrenzungen dieses Raumes sichtbar. Kunst ist Aneignung, so Romberg, „Aneignung von Wirklichkeit, die mit verschiedenen Methoden stattfindet.“ Als weiteren Aussageschwerpunkt in der Biennale sieht Romberg die Feststellung, dass wir einander global immer näher kommen. „Ereignisse, die beispielweise in Afrika stattfinden (haben) Auswirkungen … auf unser Leben hier.“ Andererseits gibt es auch den sicheren, voyeuristischen Blick auf Katastrophen. „Wir sehen die Ökokatastrophe in Amerika … aber wir befinden uns dabei immer auf einem sicheren Territorium. In dieser Sicherheit liegt … dieses Genießerische“. Künstlerische Aktionen auf der Biennale versuchen diesen sicheren Standpunkt zu durchbrechen.

KF bietet einen Rundgang durch die Biennale, durch ihre unterschiedlichen Plätze. Ich biete einen kleinen Einblick in diesen Rundgang, sozusagen gefiltert durch meinen Interessensblick.

Die Plakatserie „Frauen“ von Michael Schmidt soll die jungen, selbstbewussten urbanen Frauen zeigen, die das Stadtbild jetzt bevölkern.

Spannend für mich sind immer wieder Interventionen in die Umgebung, die etwas an dieser verändern, auch am Verhalten der Menschen in der Umgebung. Ron Tran etwa nahm die Bänke am Oranienplatz her und stellte sie in vis –a – vis Reihen mit 1,2m Abstand. Normalerweise stehen sie am Rand des Platzes im Abstand von etwa 20m. Durch das Näherrücken kam es plötzlich zu neuen Kommunikationsformen der Menschen, die die Bänke benutzen, auch sie rückten einander näher und konnten so in Kontakt treten.

Ein weiteres kommunikatives Beispiel ist der Film „Passage Briare“ von Friedl vom Gröller (Kubelka). Zwei Menschen, sie selbst und ein Mann von der Straße, sieht man vor der Kamera. Er zeigt seinen zahnlosen Mund, sie zeigt ihm ihr Gebiss. Altern ist das Thema, Verfall. Verfall, der in der westlichen Welt ja ausgegrenzt wird, übertüncht, schönheitsoperiert. Hier wird er in ganz einfacher Form dargestellt.

Eine andere Begegnung, ein anderes Thema – es geht um die Identität, um das Tauschen derselben mit einer anderen Person. „Metamorphosis Chat“ von Ferhat Özgür zeigt die Mutter des Künstlers, eine traditionelle Anatolierin mit ihrer Freundin, einer städtischen Türkin. Sie tauschen die Identität, die Mutter schminkt sich, legt das Kopftuch ab – neue Schönheiten werden sichtbar. Einen anderen Zugang zur Rolle der Frau in der Türkei wählt Nilbar Güres in ihrer Fotoserie „Circir“. Sie zeigt Frauen verschiedenster kultureller Hintergründe, sexueller Orientierung und Bildungsniveaus in unterschiedlichen theatralisch-absurden Inszenierungen.

Biografisches zeigte Petrit Halilaj, der die Holzverschalung des Hauses, das er gerade im Kosovo mit seiner Familie als Ersatz für sein von den Serben zerstörtes Haus errichtet.  Biografisch auch und mich berührend die Arbeit von Danh Vo. In einer Vitrine stellt er drei Erbstücke aus dem Besitz seines Vaters aus. Eine Rolex-Uhr (die hat der Vater von dem Gold gekauft, das er auf der Flucht aus Vietnam mitnehmen konnte), ein Dupont-Feuerzeug und einen Siegelring des amerikanischen Militärs, zwei Dinge, die sein Vater immer besitzen wollte und die er sich vom ersten in der neuen Heimat verdienten Geld kaufte. Wieder andere biografische Einschnitte sidnwohl die, wenn ein Wertesystem zusammenbricht. Phil Collins porträtiert in seinem Film „marxism today“ drei Frauen, die in der DDR marxistisch-leninistische Philosophie unterrichtet haben.

Die oben beschriebene Verunsicherung des westlichen Genießers versucht Mark Boulos mit seiner Videoinstallation „All That is Solid Melts into Air“ zu erzeugen. Zwischen den Aufnahmen aus der Börse von Chicago und Aussagen wütender Afrikaner merkt der Besucher die zerrissene Enge der Welt. Mohamed Bourouissa stellt aggressive Szenen mit Laiendarstellern nach und fotografiert diese dann. Es sind von den Akteuren tatsächlich erlebte Szenen aus der Banlieu.

Anna Witt aus Wien – übrigens auffallend, dass Romberg eine Reihe von Künstlern mit Österreichbezug ausstellt – hat zwei meiner Meinung nach witzige Arbeiten. „Radikal denken“ zeigt Menschen im Denken. Sie wurden gebeten, „radikale gedanken“ zu fassen. Es sind Menschen in einer Shopping Mall. Im Untertitel sieht man die Gedanken der Personen. In einer zweiten Videoperformance stellt Witt ihre Geburt nach.

Wie man künstlerisches auch herbeibeten kann – na gut, es ist auch eine Aneignung der Wirklichkeit – zeigt meines Erachtens die Betrachtung zu Roman Ondaks „Zone“. Es handelt sich um die Garderobe des Ausstellungsraumes Oranienplatz. „Besucher, die ihre Garderobe abgeben, bestücken die gestelle mit ihren Habseligkeiten und tragen im Gegenzug die Nummernmarke durchs Haus.“ Romberg dazu: „… dieser menschliche Moment. In einer Garderobe gibt man etwas von sich als Mensch ab, es sind sehr persönliche Dinge, die man da jemand überantwortet.“

Kein Verständnis kann ich für das Video „Problems with Relationship“ von Armando Lulaj aus Albanien aufbringen, wo ein Pferd zu Fall gebracht wird „Mit einem Ruck ziehen sie die Schlingen zusammen, woraufhin der Körper des Pferdes hart auf den Boden aufschlägt.“ Da hilft auch keine Erklärung über den Akt der Unterwerfung und so, das ist Tierquälerei, soll er es doch mit sich machen lassen.

Weils einen Bezug zu meiner engeren niederösterreichischen Heimat hat, sei auch die Arbeit von Marie Voignier erwähnt, die sich mit dem Versuch der Medien auseinandersetzt, sensationelle News zu produzieren. Sie verwendet dazu Aufnahmen aus dem Prozess gegen Josef Fritzl, von dem es ja kein Bildmaterial gab, aber die Medienleute gefordert waren, Bildmaterial zu liefern.

Anderes aus dem Bereich des Kriminellen: Mohamed Bourouissa setzt sich mit einem Häftling in Verbindung und lässt diesen Bilder aus dem Häftlingsalltag schicken, wobei Bourouissa sagt, was zu fotografieren sei. In einem zweiten Teil fotografiert Bourouissa für den Häftling das, was dieser aus der Außenwelt fotografiert haben will („Temps Mort – Tote Zeit“).

Zum Abschluss meines Rundganges noch eine witzig – nachdenklich machende Arbeit: Pleurad Ahafa und Sokol Peci fertigen aus Ton auf einer Zugfahrt von Bologna nach Tirana eine Büste von Milton Friedman an und bringen den neuen Heilsbringer der Albaner 18 Jahre nach dem Sturz der Enver Hoxha Statue ins Land. Eine Ideologie ersetzt eine andere. Wie wird das ausgehen?

Kunst kann Wunden heilen
Emscherkunst 2010 – eine Insel für die Kunst, 29. Mai – 5. September 2010
Amine Haase
KF 203/2010

Emscherkunst ist ein Projekt, das bis 2020 alle zwei Jahre erneuert werden soll. Und 2020 ist die Renaturierung der Emscher auch abgeschlossen, so hofft man. Die Emscher ist ein Flüsschen im Ruhrgebiet, das jahrzehntelang zu einem Abwasserkanal umfunktioniert wurde. Auf der Insel zwischen Emscher und Rhein-Herne-Kanal hat nun Florian Matzner der erste EmscherKultur Projekt kuratiert. 11 Millionen Euro kostet das Projekt. Die Arbeiten werden teilweise auf der Insel verbleiben.

Anbei ein paar Projekte, wie ich sie aus der Darstellung im KF auswähle:
Tadashi Kawamati stellt einen Aussichtsturm auf zu dem ein gewundener Holzsteg hinführt. Er soll neue Einblicke in das Gelände ermöglichen und zugleich kann vom Turm aus die Renaturierung beobachtet werden. Da denk ich natürlich gleich auch an den Wiener Hauptbahnhofbaustellenbeobachtungsturm, der ja für Aufregung sorgte. Ach wie schön provinziell sparsam sind wir doch.

Mark Dion baut in einen alten Gastank eine Vorgelbeobachtungsstation hinein.

Die an der Kunstakademie in Wien unterrichtende Monica Bonvicini stellt den Schriftzug Satisfy Me in Hollywoodmanier in die Landschaft.

Stephan Huber hat drei kurze Kasperltheaterstücke beigesteuert, die allerdings eher für erwachsene gedacht scheinen. „Ich liebe die Unmittelbarkeit, die Widerspenstigkeit, die volkstümliche Theatralik mit all ihrer Schadenfreude, der Missgunst, der Niedertracht und der Gemeinheit“, sagt Huber und erinnert mich dabei an Christoph Bochdansky, dessen Kasperlstücke – aber nicht nur diese – hiemti auch mal beworben sein sollen.

Witzig fand ich das Walking House, ein modulares Wohnsystem mit kleiner Küche und Bad, Komposttoilette, Regenwassersammler, Holzbrandofen und Solaranlage, das sich mit der Geschwindigkeit eines langsam gehenden Menschen vorwärts bewegt – auf 6 hydraulischen Stelzenbeinen übrigens.

Olaf Nicolai baut eine Bergformation des Nationalpark Joshua Tree bei Los Angeles maßstabgetreu nach.

Eine in die Landschaft gebaute Wohnholzgruppe nennt sich „Warten auf den Fluss“. Die renaturierte Emscher soll dann darunter durchfließen. Die Künstler wollen damit einfach darauf hinweisen, dass die Region auf Vieles wartet.

Futuristisch schaut die Fußgänger- und Fahrradbrücke über den Rhein-Herne-Kanal aus, die Tobias Rehberger entworfen hat.

Landschaftskunst mit starkem Bezug zur Geschichte der Gegend, das bietet EmscherKunst. Wer vorbeikommt – anschauen.

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