Psychologisches nicht nur zur Literatur

August 15, 2010

Heute gibt es Psychologisches und eine weitere Jancak. Fipsthinks referiert einfach das, was die Psyche im Juni veröffentlichte. Auch das Juliheft liegt schon vor mir – es geht da um Männer, mal sehen, wann das zu referieren ist.

Plädoyer für eine wissenschaftliche Psychoanalyse
Eine wissenschaftstheoretische Bestimmung
Bernd Nissen
Psyche 7/2010

Nissen setzt sich in dem Artikel damit auseinander, mit welchem wissenschaftstheoretischen Ansatz Psychoanalyse richtigerweise betrachtet werden müsste. Dabei stellt er fest, dass im wissenschaftstheoretischen Diskurs metaphysische Fragen, die sich mit den Grenzen der Erkenntnis auseinandersetzen immer weniger bedacht wurden. Wiener Kreis und kritischer Rationalismus setzten sich mit dem Gegebenen, Tatsächlichen, Vorgefundenen als dem Sicheren und Zweifellosen auseinander, was für Nissen ein naiver Zugang ist.

Wissenschaft baut auch auf sogenannten All-Sätzen auf, also etwa für alle Gegenstände x gilt: auf x trifft F zu. Allsätze im Psychischen zweifelt Nissen an. So bewegt sich Nissen in Richtung der Diagnosemanuale, die seiner Meinung nach zwar das zeigten, was ist, was man sieht, was man vorfindet, damit aber nur Symptome beschreiben, was nichts über die vielfältigen Dynamiken und Strukturen im psychischen Korpus aussage, die zu diesem Symptom geführt hätten. Und je nach theoretischem/metatheoretischem Ansatz sind dann wissenschaftliche Sätze zu betrachten.

Das Psychische, so Nissen, sei kein triviales oder nicht-triviales System, sondern ein komplex-dynamisches, das sich selbst erzeugt und organisiert. Es ist nicht deterministisch, daher nicht vollständig beschreibbar.

Nissen kommt auf ein Beispiel Heideggers zu sprechen, der sagt, dass mit positivistisch wissenschaftlichen Methoden das Stehen vor einem blühenden Baum und die innere Ergriffenheit dabei nicht erklärbar sei. „In Wahrheit sind wir heute eher geneigt, den blühenden Baum zugunsten vermeintlich höherer physikalischer und physiologischer Erkenntnissen fallenzulassen“, schreibt Heidegger eher pessimistisch. Die Psychoanalyse, so Nissen in seiner Annahme, versucht dieses blühende-Baum-Phänomen zu fassen. „Das entscheidende Datum bleibt die Wahrnehmung der Analysanden, inwieweit seelische Veränderungen eingetreten sind, …, und diese Einschätzung ist qualitativ wie der blühende Baum, die Wiese und der Mensch.“

Die Psychoanalyse muss darauf achten, nicht mit falschen Maßstäben gemessen zu werden. Bei der Psychoanalyse geht es in erster Linie um verstehen. „So kann eine psychoanalytische Behandlung auch dann erfolgreich sein, wenn ein Mensch, der an schweren Depressionen litt, diese verstehen, als Teil seiner Geschichte begreifen und das Schicksal tragen kann. Nissen meint, es sei verhängnisvoll Wirksamkeit und Indikation gleichzusetzen. Also etwa eine Klingeldecke bei Enuresis nocturna sei wirksam, daher indiziert, das Verstehen, warum diese auftrete – etwas wegen schwer erkrankter Mutter – das durch Psychoanalyse erreicht werden könnte, führe nicht zu raschem Erfolg, daher nicht indiziert, daher nicht über Krankenkassa bezahlt.

Zur Beforschung der Psychoanalyse schlägt Nissen vor, die Methode der objektiven Hermeneutik anzuwenden. Dabei „wird Textmaterial hermeneutisch und psychoanalytisch in Gruppendiskussionen intensiv und extensiv ausgelegt, sodass die latenten Sinnstrukturen zutage treten. Weiters meint er, dass die Psychoanalyse  eigene Kriterien der Wirksamkeit entwickeln und formulieren müsse. Nissen sagt, Studien hätten gezeigt, „psychoanalytische Therapie führt … zu Veränderungen im Selbst und zu einer Neuorientierung in der Welt, die nachhaltig wirken.“. Nachhaltiger, wie Nissen behauptet, als rein symptomorientierte Therapien.

Nissen plädoyiert also für eine dem Forschungsgebiet Psychoanalyse angemessene wissenschaftliche  Zugangsweise und ist gegen eine Vereinheitlichung des Zuganges zu allen psychotherapeutischen Ansätzen. „Eine sogenannte verfahrensübergreifende Einheitspsychotherapie, in der Verhaltenstherapie, Tiefenpsychologie und Psychoanalyse verschmolzen sind, … wird ihren wissenschaftlichen Status verlieren.“

Von der Notwendigkeit eines ätiologieorientierten Vorgehens in der Psychotherapie
Qualitätssicherung auf empirische oder empiristische Art?
Gottfried Fischer
Psyche 7/2010

In Vertiefung eventuell zum obigen Aufsatz von Nissen setzt sich Fischer mit den Diagnosemanualen auseinander, die – wie schon oben dargestellt – Symptome beschreiben: „nicht mehr auf die Krankheit,[sondern] deren Zeichen, Anzeichen oder Bild das Symptom (von altgriech. Symptomom = Zeichen)“ wird abgestellt.

Die je kausalen Zusammenhänge eines Krankheitsbildes werden ausgeblendet, das Zeichen (Symptom) wird nur mehr verstanden in Abgrenzung zum anderen Zeichen. Diese empiristische Erkenntnistheorie sei ein mechanistisches Verständnis von lt, schreibt Fischer. Und schon Nissen hat ja gezeigt, dass dieses beider menschlichen Psyche nicht angewendet werden kann.

In der Psychoanalyse – so Fischer – ist ätiologische Forschung wesentlich. „Keineswegs alle Personen, die ein depressives Störungsbild zeigen, weisen in ihrer Lebensgeschichte den gleichen ätiopathogenetischen Hintergrund auf“ (vergleiche dazu die Kritik der Allsätze bei Nissen).  Es gibt keinen linearen Zusammenhang zwischen Ätiopathogenese und Symptombildung, daher muss erstere immer individuell untersucht werden.

Fischer führt hier den Begriff der kausalen Psychotherapie ein, die auf einem ätiologieorientierten Vorgehen sowohl in der Diagnostik als auch in der Therapie beruhe. Kausale Psychotherapie – so Fischer – sei „als Aufhalten des Krankheitsprozesses und seine Wendung in Salutogenese zu verstehen“.  „Ziel der k.Psth. ist nicht nur Symptombeseitigung, sondern die Unterbrechung des Krankheitsprozesses und seine Rückführung in selbstregulierte Persönlichkeitsentwicklung.“

Katamnestische Studien bestätigen die Nachhaltigkeit kausaler Psychotherapie. „Ein teil der erfolgreich geführten Psychotherapien entfaltet erst im posttherapeutischen Zeitraum ihr volles Wirkungspotential“, so Fischer.

Fischer unterscheidet zwischen zwei Interventionsstilen, einem entwicklungsorientieren (angewandt etwa bei kausaler Psychotherapie) und einen trainingsorientierten. Er referiert dabei Forschungsergebnisse, die ersterem Stil ein nachhaltigeres ergebnis attestieren, so etwa in einer Studie über posttraumatische Belastungsreaktionen. Das reine Wegtrainieren von symptombezogenen Verhaltensweisen muss immer wieder aufgefrischt werden.

„Eine Krankheitslehre, die den Begriff Ursache und Wirkung aufgibt und damit, … , auf Erklären verzichtet und, … auf Verstehen, bleibt auf der Oberflächenebene einer Symptomtherapie beschränkt.“

Die Entwicklung der Neurosenformel in den vier Psychologien der Psychoanalyse
Vom Denken in affektiven Zuständen zur Logik des Kräftespiels und zurück
Peter Gieser und Werner Pohlmann
Psyche 7/2010

Was sind die vier Psychologien? Es geht um die Libidotherorie Freuds, um die Ich-Psychologie Hartmanns, um die Objektbeziehungstheorien (etwa Winnicott) im besonderen Kernberg und um die Selbstpsychologie Kohuts.

Die Libidotheorie, so die Autoren, ist eine Konflikt-Psychologie. Unterschiedliche Ansprüche treten im psychischen Gebäude gegeneinander an. Das Ödipusdrama ist der zentrale Bezugspunkt. Neurosenentstehnung hat vielfache Ursachen, seelische Entwicklung ist unabschließbar, da Konflikte immer wieder auftreten. Ziel einer Therapie ist, die tragischen Konflike bewusst zu machen, die Macht des Unbewussten zu begrenzen, indem bewusst gemacht wird, was vorher unbewusst war.

In der Ichpsychologie steht dieses im Mittelpunkt des Geschehens. Die Bildung der Ich-Organisation führt zur Wahrnehmung des Fremden, „das Fremde konstituiert das Eigene. Das Ich und das Fremde brauchen sich gegenseitig.“ Es entseht ein Anpassungsdruck. Freud: „So vom Es getrieben, vom Über-Ich eingeengt, von der Realität zurückgestoßen, ringt das Ich um die Bewältigung seiner ökonomischen Aufgabe, die Harmonie unter den Kräften und Einflüssen herzustellen.“ Hartmann sieht in der Ich-Entwicklung auch autonome Faktoren. Gesunde Entwicklung laut Hartmann führt von Abhängigkeit zu immer mehr Autonomie. Aggressive Energien werden laut Hartmann von einem treibhaften in einen nicht-triebhaften Modus umgewandelt. Die Fähigkeit, das zu tun ist nach Hartmann die Ich-Stärke. Die innere Selbstregulierung ist die gesundheitserhaltende Fähigkeit. Sie kann in unterschiedlicher Stärke und zu unterschiedlichen Entwicklungszeiten gestört werden.

Die Objektbeziehungstheorie besagt, dass die Objektbeziehung die Triebe herstellt. Nicht das Kind benötigt ein Objekt, sondern es gibt das Kind nur in Einheit mit dem Objekt (Winnicott: Mutter-Kind). Die Brust schafft die Lust. Kernberg, ein Hauptvertreter, beschreibt einen Patiententypus folgendermaßen: „allgemeine Ich-Schwäche, hohe affektive Labilität, starke Stimmungsschwankungen, sehr widersprüchliches Beziehungsverhalten, mangelhafte  Impulskontrolle von sexuellen und aggressiven Triebaspekten, Wechsel zwischen triebhaftem Agieren und Ängsten gegenüber solchen Triebdurchbrüchen sowie … frei flottierende Angst.“ Es gibt nur Idealisierung des Objektes oder Verdammung desselben. In der Analyse wird auf die verschiedenen Stufen der Einverleibung von Objekten geschaut: Introjektion – Identifikation – Identitätsbildung. Ziel ist eine befriedigende Objektbeziehung bzw. die Abwehr negativer Objektbeziehungserfahrung. Angst zeigt die Brüchigkeit des Gesamtzustandes. Die Pathologie ist gekoppelt an pathologische Objektbeziehungserfahrungen. Krankheit ist eine Strukturstörung oder Persönlichkeitsstörung, nicht die Störung des Kräftespiels (Libidotheorie, Ichpsychologie) macht die Pathologie aus sondern die Desintegration seelischer Zustände. Psychotherapeutische behandlung versucht diese Desintegration (Spaltung in gut oder böse) wieder zu lösen und integrative Modelle herzustellen (es gibt ein „gut und böse“)

Die Selbstpsychologie sieht das Selbst als Zusammenfassung der Person und der Objekte. Die Selbstpsychologie spricht von einer Selbst-Selbstobjekt-Matrix. „Die Entwicklung des Selbst ist zum einen horizontal zu lesen als Polarität (Kohäsion-Fragmentierung), zum anderen aber auch vertikal in Gestalt verschiedener Formierungen (Größen-Selbst – Idealisiertes Objekt)“. In der Wirkungseinheit von Selbst und Selbstobjekten sieht die Selbstpsychologie Motive der Entwicklung. Optimale Frustration (Kohut) fördert Entwicklung. „dabei erfährt sich das Selbst als zeitweise verlassen von Selbstobjekt, kann die Brücke und Lücken aber, anders als bei einer traumatischen Frustration, durch Wiederherstellung des Selbst-Selbstobjekt-Dialogs zur Bildung der inneren Struktur nutzen.“ Störungen führen zur versuchten Totalkontrolle der Selbstobjekte oder zur totalen Kontaktvermeidung.

Es geht um wissenschaftstheoretische Vorannahmen, für welche der vier Modelle man sich entscheidet, um damit das Zustandsbild einer Person zu beschreiben. Diese Vorannahmen, sie die Autoren, seine aprioris, die nicht verifizierbar oder falsifizierbar seien. Aufgabe des Psychoanalytikers ist es, seine/ihre individuelle Position zu finden, so die Autoren.

Heimsuchung oder halb eins
Eva Jancak

Ein paar Tage im Jahr 2009. Die Ich-Erzählerin Hanna Held liegt grippal zu Bette (ists die Schweinegrippe? Der Krankheitsverlauf scheint nicht darauf zu schließen) und hält Kontakt zur Außenwelt über ihre Blogs und Blogbekanntschaften sowie über ihre Nachbarin.

Svetlana Richter, ein aufstrebender (?) Star am Literaturhimmel erlebt erste (?) Enttäuschungen, da der erhoffte Literaturpries nicht gewonnen wird und auch die Aufnahme in den Literaturkurs nicht klappt.

Barbara Winter muss mit den Neiderinnen und Neidern fertig werden, da sie einen gutdotierten Literaturpreis gewonnen hat und auch im Literaturkurs aufgenommen wurde. Der Preis wurde gewonnen dank eines hervorragenden Fantasykonzeptes (es erinnerte mich etwas an Perutz, wohl nicht zu Unrecht, gehört der doch zu den Lieblingsdichtern von Frau Winter), der Literaturkursplatz dank lyrischer Ergüsse in Kolik und Manuskripten, was zwar wenig Breitenwirkung hat, dafür aber in Insiderkreise für Qualität spricht, während gute Fantasyromane hier wieder nur naserümpfend anerkannt werden.

Ayten Akmaz, die türkisch-österreichische Sozialarbeiterin besucht ihre Verwandten in Istanbul, um die Verlassenschaft nach den Großvater zu regeln und muss erkennen, dass ihre türkischen Wurzeln kein türkisches Heimatgefühl mehr tragen.

Herta Müller erhält den Literaturnobelpreis.

Drei feine aufstrebende zarte Liebesbande kommen auch vor: Svetlana lernt bei der Uni Besetzung (ja, die spielt auch eine Rolle) Sebastian kennen, Lilly Lind über eine Literaturblogbekanntschaft den Markus Müller, der wiederum ist der Neffe der Erfolgsschriftstellerin Melitta Bruch, die über 3 Pseudonyme verfügt und Ayten erkennt, dass sie sich doch zu Hannes und zu Österreich hingezogen fühlt (übrigens scheine ich die Ayten aus Sophie Hunger zu kennen.)

Und der Blogger Ferdinand Feuerbach kommt mir auch bekannt vor, ich glaube aber, dass er keinen dritten Blog hat, seine Beziehungskiste aber weiterhin trotz Hochschaubahn ganz gut läuft.

Wieder versteht es Eva Jancak die verschiedenen Fäden zusammenzuhalten und ein Gesellschaftsbild einer literarischen Interessens-, Schicksals- und Neidgenossenschaft zu zeichnen. Ott sei Dank ist das alles ja nur erfunden, könnte aber durchaus der Realität entsprechen. Besonders berührt hat mich die Schilderung der inneren Zustände der Nobelpreisträgerin Herta Müller, die nicht erfunden ist und deren biografischer Background in sensibler Weise dargestellt wird. Eva jancak at her best.

Und das alles geschrieben in einem Monat, um bei NaNoWriMo 50.000 Worte zu produzieren, solche 50.000 lass ich mir gefallen.

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2 Responses to “Psychologisches nicht nur zur Literatur”

  1. Eva Jancak Says:

    Sehr viel erfunden ist da nicht , eher die Realität der Blog- und Liturlandschaft vom November 2009 wiedergegeben, so daß die inneren Zustände der Nobelpreisträgerin eigentlich eine der wenigen Erfindungen, bzw. Vorstellung, daß es so sein könnte, ist, ach ja, die Ayten Akmaz habe ich erfunden und die Sozialarbeiterin aus der Sophie Hungers ist eine Kurdin, aber da habe ich die Figur weiterentwickelt, weil es mich interessant hat, mir auszudenken, wie es einer geht, die in Österreich als Türkin gilt, in ihrem Leben aber nicht sehr oft in der Türkei war.
    Ich war heute übrigens in deiner Nähe lieber Otto und schreibe gleich in meinem Blog darüber, nämlich beim Kräuterfest in Sprögnitz der Firma Sonnentor und in der Waldviertler Schuhwerkstatt in Schrems

  2. ofips Says:

    @ Ayten: scheisse erwischt, wollte noch einmal sicherheitshalber nachschauen, ob es wirklich dieselbe wie bei der Sophie ist – trotzdem hast die Sache mit der Identität gut getroffen.
    @ Sonnentor: Von mir nach Sprögnitz: 72,6km, von mir zu dir 60,7km – so gesehen bist du immer in meiner Nähe 🙂


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