Die schönen und die brotlosen Künste

August 8, 2010

Sophie Hungers Krisenwelt
 Eva Jancak

Würde er hineinpassen in eine Arbeiterbibliothek, der 2009 geschriebene und 2010 erschienene Roman der Eva Jancak, so wie der Roman „Karl und das 20. Jahrhundert“ von Rudolf Brunngruber, der nicht zuletzt da eine der Hauptfiguren von Sophie Hunges auch Karl Lakner heißt eine wichtige Rolle in der Krisenwelt spielt. Es sind einfache Menschen und Menschen, denen die Wirtschaftskrise des Jahres 2009 zusetzt, die Eva Jancak da beschreibt, und so wie in ihrem Roman „Das Haus“ kommt wieder ein fast 100jähriger vor, der sozusagen am Vorabend dieses epochalen Geburtstages verstirbt – diesmal an einem Verkehrsunfall. Wieder verknüpft Eva Jancak die Schicksale der Protagonisten, die sich erst im Rahmen des sich über einen Zeitraum von etwa 10 Tagen ziehenden Geschehens kennenlernen. Aber in diesen 10 Tagen laufen sie einander häufigst über den Weg. 2 Gruppen sind es, die da, jede in sich eng verwoben, das Leben in einem Grätzel nahe des Donaukanals verbringen. Soophie Hungers, Ich-Erzählerin, freigesetzt vom Verlag als Lektorin, da freiberuflich tätig ohne Anspruch auf Arbeitslosengeld, versucht sozusagen im bücherlesenden Winterschlaf durchzutauchen. Dasselbe probiert Franka Stein, Friedhofsrednerin und Abonementkeilerin, Tochter eines in Kanada zum Milliardär gewordenen, der ihre Mutter, die an Geburtsdepression suizidal verstorben, noch vor ihrer Geburt kennengelernt hat und Enkelkind des oben bereits beschriebenen Karl Lakner. Karl Lakner, der in einem von Nonnen geführten Altersheim – back tot he catholic roots sozusagen – seinen Lebensabend verbringt, hat die Arbeiterbibliothek der Arbeiterkammer nach dem Krieg aufgebaut und lernt Sophie am Donaukanal kennen, sich für ihre Arbeiterlektüre interessierend. Da spielt die Büchergilde Gutenberg eine wichtige Rolle, hat diese sich doch der Arbeiterliteratur in der Zwischenkriegszeit verschrieben und besitzt die Hungers eine Reihe von Büchern aus Erbstücken heraus. Am Ende des Romans wird sie den Bibliotheksnachlass von Karl Lakner erben, da ist sie auch schon eng befreundet mit Franka Stein, die dann wiederum ihren dem neoliberalen Wirtschaftsleben verfallenen Freund Hannes verlassen hat. Das also die eine Gruppe. Die anderen sind Valerie Oswald, die von ihrem Mann Hubert verlassen, antriebslos und depressiv in ihrer vermüllten Wohnung lebt, dort von ihrer Mutter, der pensionierten Kindergärtnerin Hertha Werner umsorgt wird, die auch darauf schaut, dass die beiden Kleinkinder Clarissa – eine altkluge Fünfjährige – und Felizitas ordentlich aufgezogen werden und das Jugendamt nicht auf die Idee kommt, da eingreifen zu müssen. Valerie will ihren Mann zurückholen, der mit seiner Sekretärin abgehauen ist, und bekommt mit Felix Baum, einem aufs berufliche Abstellgleis gestellten Briefträger, den (passiven) Helfer, den sie braucht, um wieder auf beide Füße zu kommen. Am Ende der Gattennachreise von Graz über München, Berlin, Dresden und Bratislave hat Valerie zwar ihr vordergründiges Ziel nicht erreicht, aber das Ziel, ihren Kindern wieder eine intakte Familie zu bieten wahrscheinlich schon und der Nesthocker Felix scheint sich als ganz passabler Partner zu entpuppen. Wir lernen im Roman auch auf durchaus amüsante Weise eine Möglichkeit kennen, mit wenig Geld durchs Leben zu kommen und trotzdem auf wesentliche Dinge nicht verzichten zu müssen, auf reisen, auf interessante Lektüre – gut die ist auch irgendwie vererbt – auf spannende Gespräche und auf gute Freundschaft. Man kann was machen aus seinem Leben, auch wenn die Krise hart ist, das sagt uns der Roman.

Bruder Ernest, Schutzpatron fürs Leben
Hemingway, Habeck und ich
Andreas Weber
L&K 455/2010

Eine Liebeserklärung an den Autor Ernest Hemingway mit einem kurzen biografischen Abriss (nachzulesen ist das alles auch im Wikipedia, mich hat beeindruckt, vielleicht als weiterführende lektüre irgendwann einmal, dass es von seinem Sohn Gregory, der nach Geschlechtsumwandlung Gloria Hemingway hieß eine  1976 veröffentlichte Biografie „Papa:A Personal Memoir“ gibt und dass Hemingway gesagt haben soll, „gefragt nach der besten Schule für einen Schriftsteller…:´eine unglückliche Kindheit´“

Die Liebe zu Hemingway – so Andreas Weber – führte bei ihm zu einem Anglistikstudiumsversuch, den er aber nach wenigen Wochen abbrach, da die für ihn wirklich spannende Literatur dort nicht behandelt wurde. Allerdings setzte er sich auf die Spur des Autors und besuchte etwa die Buchhandlung Sylvia Beach&Co. in Paris, in der viele berühmte Autoren verkehrten. Eine Episode des Besuches, nämlich wie er eingeladen wird, auf der Couch zu sitzen, die auch von Hemingway, Joyce usw. benutzt wurde, schildert Weber im zweiten Teil des Essays.

Im dritten Teil geht es um Fritz Habeck, einen österreichischen Autor, der im Besitz von Briefen von Hemingway an ihn ist, mit dem ihn eine briefliche Freundschaft verband. Weber hat über Habeck auch einen Film gedreht. Weber besucht Habeck, als dieser weit über 70 Jahre alt meint, nichts mehr schreiben zu können, auch wenn er noch viele Gedanken zu Büchern hätte. Mit Weigel war Habeck zerstritten, ebenso war er ein Gegner der Gruppe 47. Habeck beschreibt sich selbst als „Schriftsteller des Krieges. Das Soldatenleben, Grenzsituationen, das hat mich fasziniert“. Wohl auch deshalb war er fasziniert von Hemingway.

Ein interessanter Essay, der zwei Dichterpersönlichkeiten verbindet und auch einige schriftstellerische Ratschläge bereithält wie z.B. diese beiden:
„Hemingway schreibt so, dass sich die Frage: Was will uns der Dichter mit seinem Text sagen? Nicht stellt. Seine Texte sind frei von jenem langweiligen Verweischarakter, mit dem Handlung, Szenen und Dialoge fiktionaler Literatur üblicherweise auf die sogenannte außerliterarische Wirklichkeit einwirken wollen.“
„Dem Hemingway hat die Gertrude Stein in seinen ersten Geschichten, die er ihr zu lesen gegeben hat, die meisten Adjektive ausgestrichen, Adjektive verwendet man nicht! Es gibt kein entsetzliches Erlebnis. Wenn ein Erlebnis entsetzlich ist, muss das in der Beschreibung herauskommen.“

Kalte Asche (Carolina Schutti)
L&K 445/2010

Der Monolog eines Nachtwächters, der versucht sich munter zu halten, halluzinierend von einem Tommy und einer Eva erzählt. Erst das Ende der Geschichte vollendet das Vorhergehende zu einem Gesamtbild: der Tommy scheint bei einem Unfall ums Leben gekommen und die Eva kennt der Ich-Erzähler nur von einer bei einer Bushaltestelle gefundenen Karte. Ein hervorragend konstruierter Text mit dichter Atmosphäre. Mein Lieblingssatz aus dem Text:“ich kann mir alles herdenken. Wegdenken ist viel schwerer.“

Die Übertragene
L&K 445/2010

Dass die Ich-Erzählerin eine Erzählerin ist und kein Erzähler, das zu durchschauen hab ich etwas Zeit benötigt, wenn es mich auch wunderte, dass da bei einem ich-erzählenden Mann ein Freund namens Thomas auftaucht. Ja, schwule Literatur ist äußerst unüblich zumindest in meinen Zeitschriften, aber die Welt war dann ja in Ordnung, ich hier ist eine Frau. Es geht um das Leben in der Fremde, eigentlich in der Fremdsprache, um das Leben in Österreich – eine Situation, die der Autor des Textes (Grzegorz Kielawski) aus eigener Anschauung kennt. Es geht um Schriftsteller sein in einem fremden Land, es geht um den Besuch beim Lektor, es geht natürlich auch um Mann-Frau-Erotik. So bleibt mir unklar, ob es in Linz dann auch zu einem Seitensprung des Lektors mit der Ich-Autorin kommt, sie besucht ihn ja in seiner Wohnung und die Ehefrau Sonja ist nicht zu Hause. Aber wie gesagt, das Hauptthema ist das Leben in der fremden Sprache und der Umgang damit.

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4 Responses to “Die schönen und die brotlosen Künste”

  1. Eva Jancak Says:

    Interessant was du so liest und fein, daß du mich besprochen hast, von der Sophie Hunger gibt es übrigens auch eine ganz aktuelle Literaturhausrezension von Janko Ferk.
    Liebe Grüße und mach es gut

  2. ofips Says:

    und spannend, dass du 2009 die wiederauflage vom brunngraber-roman vorweggenommen hast. die biografie des autors scheint übrigens durchaus durchwachsen zu sein.

  3. jancak Says:

    Ja, bei Milena dem ehemaligen Frauenverlag, was mir nicht so gefällt, was meinst du mit durchwachsen? Die Ruth Aspöck, die „Zucker aus Cuba“ wiederaufgelegt hat und mit der Brunngraber Tochter befreundet ist, die auch 2007 ein Stück bei Radkarawane mitgefahren ist, meint, daß da noch sehr viel unaufgearbeitet ist und die biografischen Daten auch noch gesperrt sind.
    Bei Google ist auch nicht wirklich sehr viel zu finden, zumindest war das vor einem Jahr so, als ich nachgeschaut habe.

    • ofips Says:

      Zitat aus der Kritik von Polt-Heinzl: „nach 1945 wiederum war es Brunngrabers zumindest zwiespältige Haltung während des Nationalsozialismus – er war mit seinen späteren Tatsachenromanen Erfolgsautor des Regimes -, die auch seinen Arbeitslosenroman mit dem Verdikt „faschistisch, militaristisch, nazistisch“ kurzfristig auf den Index der Alliierten brachjte.“ und weiter unten allerdings: „Edschmid, der selbst einiges über seine Aktivitäten im Nationalsozialismus zu übertünchen hatte, attestiert seinem Freund Brunngraber eine völlig weiße Weste.“


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