Männliches
August 22, 2010
Männlich gehts heute zu. Zuerst ein Roman über Friedrich II. aus dem Fach der Unterhaltungsliteratur. Und dann zwei Abhandlungen psychoanalytischer Natur über Männlichkeit, ihre ihre Entwicklung und ihre Gefährdung.
War ein bisschen mühsam, die Leserei in letzter zeit, v.a. da ein wesentlicher Mann in meiner Biografie gerade darum kämpft, wenigstens sein physisches Sein – Jenseits von Männlichkeit – zu erhalten, oder vielleicht auch darum kämpft, von Männlichkeitsvorstellungen loszulassen und sich auf totale Hilflosigkeitsvorstellungen einzulassen. Ein schwieriger Prozess, dessen Ausgang auch nach vier Wochen noch völlig offen ist und auch mich hernimmt.
Nichtsdestotrotz anbei Leseerfahrungen.
Herrscher aus Apulien von Cecilia Holland
Friedrich II. hab ich vor etwa 10 Jahren kennengelernt, auf einer Reise nach Apulien, hab dort eine seiner Festungen besichtigt. Dann lange nichts, dann eine biografische Arbeit von Köhler über den Stauferkönig, der im 13. Jahrhundert gelebt hat, und jetzt der Roman von Cecelia Holland. Sie beschreibt einen gebildeten, weltoffenen Herrscher, der sich mit philosophischen Fragen und mit Mathematik beschäftigt, der offen ist für andere Religionen, in dem Sultan Al-Kamil einen Brieffreund findet, eine auf gegenseitiger Achtung beruhende Freundschaft, die schließlich auch zur friedlichen Übergabe der Stadt Jerusalem führt, einer Übergabe an die Christen, die die Rechte der Moslems au ihre Heiligtümer in der Stadt unberühr lässt. Da wundert es nicht, dass der Stauferkönig, der sich in Jerusalem zum Kaiser krönt, exkommuniziert und dem Bann unterworfen ist. Holland schildert diesen Jerusalemkreuzzug Friedrichs mit allen inneren Zweifeln des immer wieder auch von Depressionen geplagten Kaisers. Eine Frauenfigur ist die zweite Hauptperson des Romans, Theophano, eine Gauklerin. Sie wird zur Geliebten des Kaisers auf dem Kreuzzug und begleitet ihn quer durch Syrien bis zu seinem Triumph in Jerusalem. Sie bietet ihm emotionalen Halt, wenn er zu verzweifeln droht, wenn ihn seine Depressionen quälen, sie wird aber nicht als liebevolle Dienerin dargestellt, sondern als Frau, die durchaus eigenen Willen hat, den sie auch gegen den Kaiser durchsetzen kann. Vor der Rückkehr nach Sizilien, das Land wird ihm während seiner Abwesenheit von den päpstlichen Truppen abgenommen, verlässt sie ihn, weiß sie dch, dass sie in Sizilien den höfischen Notwednigkeiten geopfert werden wird. Holland beschreibt in ihrem Roman, der angeblich sehr nahe an den tatsächlichen Gegebenheiten ist, die schwierige politische Lage zu Beginn des 13. Jahrhunderts. 1970 hat sie den Roman veröffentlicht, noch lange, bevor der christliche Westen den Islam zur religion der Bösen erklärte. Ganz gut, ihn jetzt wieder zu lesen.
Wann ist der Mann ein Mann?
oder: Männliche Identität zwischen Narzissmus und Objektliebe
Heribert Blass
Psyche 8/2010
Blass schreibt, es werde immer häufige auch vom Mann als schwachem Geschlecht gesprochen, es gäbe eine erhöhte Verletzlichkeit männlicher Neugeborener, externalisierte Störungen bei Schuljungen nähmen zu, vielleicht sei das fehlende 2. X-Chromosom mitschuld?
In der zweiten Hälfte des ersten Lebensjahres entdeckt das Baby Penis und Hoden. Stoller spricht von Kerngeschlechtsidentität und meint damit das bewusste oder unbewusste Wahrnehmen, zu einem Geschlecht zu gehören. Diese konsolidiere sich zwischen dem 18. Und 36. Lebensmonat und sei danach kaum veränderbar. Tyson erweitert das Konzept um die Begriffe der Geschlechtsrollenidentität und der sexuellen Partnerorientierung.
May sagt, die Eltern strukturierten ihre emotionale Beziehung zu ihrem Kind gemäß ihrer (un)-bewussten Einstellung zum jeweiligen Geschlecht. So könne ein Junge auch dann ein Gefühl von Jungenhaftigkeit haben, wenn er ohne Penis geboren sei, wenn die Eltern davon überzeugt seien.
Blass selbst meint, „dass jeder Mann von Kindheit bis ins hohe Alter eine genitalsymbolische Konzeptionalisierung seines Penis als körperlichen Organs und seelischer Repräsentanz vornehmen muss.“ So meint er, etwa in den Spätwerken von Philipp Roth oder Pablo Picasso diese lebenslange Auseinandersetzung zu erkennen, die im Alter etwa mit dem „kränkenden Nachlassen der erektilen Potenz“ einhergehe.
Freud schreibt in den Drei Abhandlungen, dass eine scharfe Trennung in männlich und weiblich nicht vor der Pubertät vonstatten gehe.
Greensons Theorie besagt, dass Jungen aufgrund ihrer frühen Identifikation mit einer Mutterfigur sich zuerst in weibliche Richtung entwickelten und sich erst später ent-identifizieren müssten. „Die besondere Betonung von männlicher Härte und Phallizität, mit der emotional sanfte und aufnehmende Verhaltensweisen aggressiv zurückgewiesen werden, diene der Abwehr gegen einen Rückfall in das frühere weibliche Selbstgefühl.“
Mahler wiederum meint, dass die frühe Kindheit für beide Geschlechter unter dem Zeichen von Bindung und Individuation stehe. „Eine sichere Bindung zur Mutter und zum Vater sei viel grundlegender für die Entstehung von Individuation und Männlichkeit als eine scharfe Trennung von der Mutter.“ Diamond sieht ebenfalls die sichere Bindung als wesentlich in der Geschlechtsrollenentwicklung bei Männern, da es wesentlich sei, angstfrei sich von der Mutter zu differenzieren und sie als äußeres Objekt wahrzunehmen. Ogden stellt die Wichtigkeit der Verfügbarkeit eines Vaters dar: „Zusätzlich fördert die Anwesenheit eines früh verfügbaren, aufmerksamen und schützenden Vaters den Prozess wechselseitiger männlicher-weiblicher Identifikationen.“ Ein von der Mutter geschätzter Vater sichert den Verbleib rezeptiver und empathischer Fähigkeiten, so Blass. Auch Dammasch sieht die Bedeutung des Vaters, „wenn er vaterlose Jungen als hin und her gerissen zwischen ödipalen Größenphantasien und Verfolgungsängsten beschreibt.
Wenn die angstfreie Mutterlösung nicht gelingt, so muss der Junge „seinen Penis mit Phantasien von Macht und Kontrolle ausstatten oder umgekehrt mit Verteidigungsphantasien gegen eine allzu mächtige Mutter.“
In der Entwicklung weiter fortschreitend in Richtung ödipaler Entwicklung meint Freud, dass der Reifungsschritt beim positiven Ödipuskomplex im Verzicht auf den Vatermord und in Anerkennung des Inzestverbotes bestehe.
Richter sieht in wissenschaftlich-technischen Eroberungen eine Überbetonung männlicher Expansivität. „Er versteht sie als phallisch-narzisstische Triumphe, die der Abwehr heimlicher Ängste vor Entmännlichung bzw. unbewusster Kastrationsangst dienen. Neurobiologische Forschungen zeigen, dass viele Jungen motorisch ausgerichtet sind und auf grenzüberschreitende Spiele hin. Blass schreibt daher, dass beide pole männliche Aggressivität und kreatives Potential Möglichkeiten männlicher Entwicklung zeigen.
Meltzer verknüpft die Annahme angeborener Präkonzeptionen mit der Anerkennung interpersonaler (Vater)erfahrungen. Er meint, dass ein Entwicklungsproblem auftauche, wenn ein Kind vollständige Objekte auf Partialobjekte reduziere. „Bezogen auf den Vater entstehe dann eine paranoid-schizoide Vorstellung von männlicher Superiorität, die auf rein quantitativen Kriterien wie Größe und Macht beruhe statt einer reifen Konzeptionalisierung anhand qualitativer Kriterien wie Güte, Kreativität, Mut.“
Diamond unterscheidet phallische Männlichkeit und genitale Männlichkeit. Das genitale Ich umfasst nach Diamond Sicherheit und ein eigenes Wertgefühl als Mann und ein Zusammenspiel männlicher und weiblicher Identifizierungen, das erst eine emotional-sexuelle Liebesbeziehung zu einem anderen Erwachsenen ermöglicht.
Im Alter wird in einer reifen Entwicklung das Trauern über das Verblassen phallischer Idealvorstellungen den Mann dazu befähigen, „sein eigenes Innenleben besser zu spüren und anzunehmen.“ Wichtig erscheint auch die Fähigkeit sich besiegen zu lassen, sich der Herausforderung zu stellen, „den erwachsenen Söhnen und Töchtern den für ihre Autonomie passenden Platz anerkennend einzuräumen.“
Die Rettung der Männlichkeit im Schutz der partiellen Identifizierung mit der kastrierenden Mutter
Stefanie Mettlach
Psyche 8/2010
An einem Fallbeispiel erläutert Mettlach ihren Zugang zur kastrierenden Mutter, ein Fallbeispiel der Behandlung eines Mannes, das auch bei Mettlach wesentliche Gegenübertragungsgefühle freisetzt.
Mettlach schildert, dass es zwei Ansätze zur kastrierenden Mutter gäbe, nämlich sie als Produkt kindlicher Phantasien, Angst und Wunschvorstellungen zu sehen (Bsp.: Freud) oder sie als Realität zu erkennen (Bsp.: Fenichel, Kohut, Fonagy & Target)
Kastration wird auf unterschiedliche Art beschrieben:
Wunsch der Mutter/Frau, sich den Phallus und damit die männliche Potenz anzueignen, das geht auch indirekt, indem die Mutter versucht, aus dem Jungen ein Mädchen zu machen.
Oder Versuch, die autonome männliche Entwicklung zu unterbinden. Mittel dazu wären etwa ein Liebesentzug, der dazu führt, dass sich der Sohn mit den Forderungen der Mutter identifiziert.
Auch Freud werden Kastrationsängste bescheinigt. So schreibt er etwa:“Selbst die Ehe ist nicht eher versichert, als bis es der Frau gelungen ist, ihren Mann auch zu ihrem Kind zu machen und die Mutter gegen ihn zu agieren.“ Ein Beispiel für das Rachemotiv, dem etwas wegzunehmen, der etwas habe, was einem selbst genommen worden wäre.
Mettlach schildert aus ihrer Praxis, dass es immer Mütter seien, die sich durch ihre eigene Lebensgeschichte Männern gegenüber benachteiligt erlebt hätten, die Kastrationsdrohungen ausstrahlten.